Berlin calls - für bessere elektronische Musik
Berliner Musik-Szene

Ein junger Tourist steht am Bahnhof Warschauer Straße, in den Händen ein mehr als hundert Seiten fassendes, vierzehntägig erscheinendes Magazin, das dem Angereisten suggeriert, das ultimative Veranstaltungsprogramm für seinen Aufenthalt zu garantieren. Zuweilen von der Wucht der Auswahlmöglichkeiten überfordert und von der Angst getrieben, bei der falschen Wahl nicht das Erhoffte zu sehen und zu hören zu bekommen fragt er auf der Suche nach dem besten Techno und Elektro der Welt letztlich einen Einheimischen:
"Wo kann man denn hier zu Elektro weggehen?" Unwillig, dieses Insiderwissen wahllos weiterzugeben zuckt der Angesprochene mit den Schultern und gibt nichtssagend zurück: „Na überall“.
Berlin ist arm und sexy hieß es vor ungefähr zehn Jahren. Arm, aber gentrifizierend, so das immer lauter werdende Echo der letzten Jahre. Sexy mache Berlin vor allem eine legendäre Clubszene, das haben außerhalb der Landesgrenzen schon David Bowie und Iggy Pop erkannt, heute wiederentdeckt von einer - der Autor Tobias Rapp nennt sie - "Easyjet- Generation".
Die bekannteren elektronischen Clubwinkel in Berlin befinden sich abseits der unique selling points und der Latte Macchiato schlürfenden Großstadtjuppies: Die Bar 25 und die Maria (früher im Postbahnhof) siedelten sich an der Spree an, als sie noch niemand wollte und die MediaSpree-Negativutopie weit
entfernt zu liegen schien, das Berghain, der „beste Club der Welt“ auf dem alten Gelände des alten Ostbahnhofs, das Watergate neben der Oberbaumbrücke, das Golden Gate direkt unter der S-Bahn-Jannowitzbrücke, der Tresor mittlerweile im ehemaligen Heizkraftwerk Berlin-Mitte in der Köpenicker Straße, das Weekend im 12. Stock des ehemaligen Haus des Reisens am Alex, das Tape in der Heidestraße in Nähe des Hauptbahnhofs – allesamt sind diese Clubs abseits von sich gestört fühlenden Anwohnern angesiedelt.
Dabei gibt es diese wohl wie in kaum einer europäischen Großstadt: Man muss sie ein wenig kennen, die richtigen Newsletter abonniert haben, auf den richtigen myspace-Seiten angemeldet sein oder neugierig dem Wummern aus den leer stehenden Altbauten, den Industriebrachflächen und verlassenen Bürokomplexen nachgehen. So schwierig ist das im Berlin am Anfang des 21. Jahrhunderts nicht mehr, es hat sich einiges verändert seit dem Berlin der Achtziger und dem Berlin der Wende. Alles ist etwas renovierter, legaler und digitalisierter und den gängigen Kommunikationsformen angepasst. Gleichzeitig entwickelt sich eine Berliner Generation, die aufgewachsen ist mit elektronischen happenings und den Parties in stillgelegten Industrieanlagen, unter Brücken, im Park, und die einen großen Bogen um die 'Tourischuppen' machen - spätestens wenn die west(süd)deutschen Dialekte Einzug erhalten, hat sich jede neue, angesagte Location aufgebraucht.
Großstadtnischen
Besonderes bekommt man vor allem in kleineren Clubs, die sich während der letzten Jahre etabliert haben oder im Begriff sind es zu tun: Wer vor zweieinhalb Jahren –
die Umstrukturierungspläne hatten das Ostkreuz zumindest auf Seiten der Sonntagstraße schon in einen place to be verwandelt - den anderen Ausgang zum Markgrafendamm wählte, der kam, Richtung Spree laufend, durch eine unscheinbare Gegend, wo nichts auf Clubkultur schließen ließ. Viele drehten vorschnell wieder um, versuchten ihr Glück auf der sanierteren Seite und landeten doch wieder nur bei den alten Adressen Lovelite, Rosi's, Cassiopeia, mit etwas Glück auch mal im RAW-Tempel.
Wer sich von der äußerlichen Tristesse des Markgrafendamms nicht abschrecken ließ, wurde dafür mit dem Besonderen belohnt. Rechterhand hinter einem Zweitwagenverkauf gelegen, kam man am MFE (Ministerium für Entspannung) vorbei, zweihundert Meter weiter folgte linker Hand, hinter einer bunt gesprayten Mauer, der Hangar. Noch ein kleines Stück weiter, unweit der Corinthstraße in der Alt-Stralauer Straße, ließ nur der markdurchdringende Bass, der durch die Ritzen der herunter gelassenen Rolläden wummerte, auf eine feierwütige Existenz schließen. Der dunkelbraune Ostputz drohte vor der Vibration von den unsanierten Altbauwänden zu fallen. Die Schlange davor wurde schnell immer länger und der Salon zur Wilden Renate schlagartig bekannt – in der Szene und beim Ordnungsamt.
Keine hundert Meter weiter, hinter der S-Bahnbrücke, befand sich zu dieser Zeit auch das Unkul, das neben alternativem Flohmarkt regelmäßig Open Airs veranstaltete. Sonntag Mittags blieben verdutzte Familienausflugsteilnehmer, Spaziergänger, Jogger auf der Fußgängerbrücke Richtung Treptower Park stehen und bestaunten das Spektakel. In ebenso unregelmäßigen Abständen und immer nur Sommers bot das Spreekind auf den am Spreeufer liegenden Kohlefrachtkähnen – mit direktem Blick auf die Treptowers und die 30 Meter hohen Kreaturen im Wasser, das Kunstwerk Molecular Man von Jonathan Borofsky – ebenso elektronisch Tanzbares.
Das MFE musste letztes Jahr zeitweise schließen, das Unkuhl ebenso, dafür hat sich die Raumerweiterungshalle in der Kurve hinter dem Ostkreuz am Markgrafendamm niedergelassen und das Sisyphos, in Richtung Rechenzentrum, Nahe des Heizkraftwerks, ist die neue kreativ und liebevoll eingerichtete Heimat der Bachstelzen. Der Salon zur Wilden Renate rettete sich in die Legalität und erfüllt heute alle sicherheitstechnischen Bedingungen samt Notausgang. Der Fördermitgliedausweis für 24h im 3KS e.V. wurde gegen einen standardisierten 10€ Eintritt mit Stempel ausgetauscht, ein buntes dreidimensionales Logo prankt seit letztem Sommer an der weiß gestrichenen Fassade, das Interieur wurde renoviert und ähnlich liebevoll dekoriert. Gute Musik wird nach wie vor gespielt.
Gute Musik sollte man ohnehin finden in der „Welthauptstadt der elektronischen Musik“. Dass immer mehr Musiker und Djs von überall her ihren Lebensmittelpunkt nach Berlin verlegen, verstärkt den Anspruch an dieses Nonplusultra-Postulat. Allerdings, so führt der Thüringer Dj und Produzent (Mo's Ferry) Niklas Worgt in einem Interview, welches er im Dezember 2007 dem stern gab, aus, dass man unter diesen Voraussetzungen auch immer erwarte, dass etwas Neues entsteht. Dies sei aber nicht der Fall: Ein monotoner Synchronisierungseffekt führe dazu, dass eben nichts Neues kreiert würde, vielmehr passe man sich dem seit Jahren dominierenden Berlin typischen Minimalsound an – er spiele, so Worgt, lieber in anderen Städten,r äumt aber gleichzeitig ein, dass es auch Ausnahmen gäbe.
Für bessere elektronische Musik
Eine dieser Ausnahmen stellt etwa der Soziologe Jan Kühn dar. Der unter dem Künstlernamen Fresh Meat agierende DJ und Musiker gründete Ende 2006 das Projekt „Berlin Mitte Institut für Bessere Elektronische Musik“ (BMI). Dort produziert er nicht nur zusammen mit den DJs Kandel und Robosonic Radio- und WebTV Shows, sondern bietet mit der Schwester „Berlin Kreuzberg Institut“(BKI) eine Plattform für die Vernetzung von Künstlern, Produzenten, Medien und Labels, die dort in regelmäßigen Abständen vorgestellt werden: Im Archiv der Website findet sich eine Menge qualitativ hochwertigere, bessere elektronische Musik, von verschiedenen Labels, Bookingagenturen, Partyveranstaltern oder Musikvertrieben, die den Standort Berlin gewählt haben: Minus, Mobilee, Get Physical, Pokerflat, Trenton, Kassette, Great Stuff, Clique, Word and Sound, Delikat oder Klangsucht.Das BMI war auch im Stadtteil seiner Schwester bei der Partyreihe Dienstagswelt im Cassiopeia zu Gast. Zwischen Wochenende und After Hour und dem Watergate-Mittwoch soll die Dienstagswelt einer großen Anzahl „technoaffiner Lebenskünstler, Freiberufler, Touristen, Arbeitsloser, Studenten und auch Arbeitsfreinehmer” eine Plattform unter der Woche bieten, „denn während andere schlafen und sich für einen harten kommenden Arbeitstag vorbereiten, wird in Berlin auch unter der Woche zu elektronischer Tanzmusik gefeiert – und das wie am Wochenende und nicht erst seit kurzem“. Das BMI hat Stimmen gesammelt und Interviews mit Veranstaltern, Barleuten, Türstehern und Besuchern durchgeführt. Ein durchaus gelungener Einblick in die Wir-feiern-unter-der-Woche-Randgruppe findet sich hier.
Wer interessiert ist und einen Einblick in aktuelle Produktionen, aber besonders auch in die elektronische (Kultur)Szene bekommen möchte, dem seien die Seiten des BMI und BKI wärmstens empfohlen. Niklas Worgt aka Dapayk legte vor kurzem im Rahmen des Weihnachtspezials 2009 ein phenomenales Analogset im Berliner Suicide Circus auf, das auf den Seiten des BKI zu hören ist.
Nachdem die Künstler-, Produktions- und Clubszene nun einführend beleuchtet ist, wollen wir uns auch der Rezipientenseite nähern. In Teil 2 geben drei Berliner Partygänger Auskunft darüber, wie, warum und wohin sie weggehen, wie sie sich mit der Clubszene entwickelt haben und warum der Underground heute Mainstream geworden ist.
Lesen Sie auch Teil 2: das Interview zur Cluibszene
von Till Woerfel
Siehe auch:
www.iheartberlin.de
http://www.berlin-mitte-institut.de/
http://www.berlin-kreuzberg-institut.com/blog/



