Es riecht esoterisch. Den süßlichen Moschusduft der zur Probe entzündeten Räucherstäbchen an der Ecke Krossenerstraße/Gärtnerstraße durchmischt ein beißender Bratenfettduft der benachbarten Imbissbude. Das urbane Gemurmel wird unterlegt von Kindergeschrei und Hundegebell, das vom Zentrum des Boxhagener Platzes herüberdringt. Der Platz ist ein Ort an dem sich im Berliner Stadtteil Friedrichshain alles zu treffen, zu durchkreuzen und nebeneinander in einer Symbiose zu existieren scheint. Der etwas andere Platz
Hier trifft Gentrifizierung auf Autonomie, Mittel- auf Unterschicht, Ost auf West, Katalanisch auf Kastillanisch, Baske auf Franzose, Kurde auf Türke, Ursprung auf Neusprung, Alt auf Jung.
Der als Schmuckplatzanlage um 1929 konzipierte Platz südlich der Frankfurter Allee inmitten Friedrichshains im Kneipen- und Szeneviertel zwischen Grünbergerstraße, Gabriel-Max Straße, Krossenerstraße und Gärtnerstraße, umrandet jeden Sonntag auf der „Flanierzone“ der Flohmarkt am „Boxi“. An gleicher Stelle findet Mittwochs und Samstags der Wochenmarkt statt. Zwei Spielplätze machen den Platz zu einem familien- und kinderfreundlichen Treffpunkt, gleichzeitig prostet man sich hier nebenan auch gerne mal mittags bis nachts mit einem Sternburger zu. Diese Koexistenz zweier völlig verschiedener Welten ist Teil der Kultur rund um den Boxi, was zuweilen äußerst kritisch beäugt wird. Anwohnerbeschwerden führten zu einem strikten Einhalten des Marktstartes um 10:00 Uhr. Zahlreiche Händler haben dann bereits Sonntags früh, wenn ein Großteil der Feierlustigen noch einmal die Bar wechselt oder erschöpft nach Hause fällt, bereits um halb Fünf ihre Stände auf.
Der etwas andere Flohmarkt
Der Flohmarkt ist eine Mischung aus Professionalität, Liebhaberei und Einmaligkeit. Händler, die hier ihren Lebensunterhalt
verdienen, kommen schon sehr früh, sie haben ihren festen Platz und ihr Genre: Bücher, antike Möbel, Einrichtungsgegenstände, Textilien, Musik. Darunter mischen sich die Kleinkünstler, die ihre Kunst auf Gipsplatten, T-Shirts, Taschen oder sonstigen Stoffen verkaufen.Dazwischen jede Menge Nippes, auf den ersten Blick unnützes Zeug, das sich beim Nachfragen aber als „Original“ aus den Sechzigern, Siebzigern, Achtzigern oder neuerdings auch Neunzigern entpuppt und einen eigentlich nicht in Geld aufzurechneden Wert besitzt.
„Nee, da kann ick nich runterjehn. Die is Orijinal DDR. Die Lampe hier is orijinal Siebziger, die kriegste niergens. Dit is nich einfach nur Plaste“.
Hier streiten sich Händler und Kunde oder tauschen ihre kontroversen Wertvorstellungen aus. Für ein Argument gibt es immer ein Gegenargument.
Der Händler des Musikgeräte- und Zubehörstandes seitlich der Krossenerstraße weiß ganz genau wieviel der Synthesizer gekostet hat, wo er zu bekommen ist und wie günstig man selbigen bei eBay ersteigern kann. Während der Kunde lachend verneint, das er dafür sicherlich keine 200€ bezahlen werde.
Nebenan versucht der Bücherhändler, der mal den Gesamtbestand der Bibliothek des St. Joseph Krankenhauses erstanden hat, seine Restware an den Mann zu bekommen. „Nimm doch mit, allet een Euro. Anna Seghers inner Ubahn lesen, da kommste rischtisch jut an“. Der Kunde verneint, das sei ihm zu anspruchsvoll, er lese lieber Groschenromane. „Dann nimm doch die ganze Kiste, da haste von allem etwas! Kiste n' Fünfer“.Weniger wahllos überzeugt der Händler des umfangreichen Vinylstandes an selbiger Straße, hier nimmt man sich Zeit für die Kundengespräche, musikalisches Weltwissen wird fachsimpelnd ausgetauscht, Vermutungen aufgestellt, wo und wie man zu einer bestimmten Spezialpressung aus einem bestimmten Jahrgang kommen könnte. Die Sammlung ist mindestens so unterschiedlich wie der Flohmarkt und seine Besucher: Eine America Folk Blues Festival-Schallplatte steht neben einem Best of Italo Disco, einigen Alben Iron Maidens und dem Album 'The Doors' der Doors, das kaum einer nicht schon mal in den Händen hatte. Weiter hinten findet sich der Soundtrack zu Thunderball und einige Alben von Grandmaster Flash aus den Neunzigern. Das Album 'Bad' von Michael Jackson, erhältlich in Vinyl oder als Kassette, steht seit kurzem als Aussteller weiter vorne. Im Hintergrund läuft Rock the Casbah und überraschender Weise findet sich eine Langhörspielplatte der 'Drei ???' (und das Aztenkenschwert“) nach längerem Blättern weit hinten.
Das etwas andere Publikum
Das Publikum auf dem Flohmarkt am „Boxi“ ist ziemlich heterogen, auch wenn ein Großteil jung und alternativ erscheint, wird es von einer vor Jahren aus der westdeutschen Provinz nach Berlin zugezogenen (heutigen) Mittelschicht durchmischt, die seit einigen Jahren die Szeneviertel Friedrichshains, Prenzlauer Bergs und Kreuzbergs vermehrt bewohnt und prägt. Im Sommer sind zudem zahlreiche Touristen hier anzutreffen und lassen die Atmosphäre noch multikultureller erscheinen. Eine Mischung aus Deutsch, Verkehrssprachenenglisch, Französisch, Spanisch, Italienisch und Dänisch dominiert die Geräuschkulisse – hier und da polnischer, russischer und georgischer Einfluss. An warmen Sommertagen wird es dann schon mal voll am Boxi, sodass der Flohmarktbesuch zu einem ermüdenden Drängen und Kampf um die Stände werden kann.
Begeistert werden die Stände der Textildruckhändler, die sich in den letzten Jahren verstärkt professionell einen festen Platz am Boxi erkämpft haben, besonders von den Touristen belagert. T-Shirts, Stofftaschen, Sweaters, Zippers oder Aufnäher lassen sich sehr viel leichter im Flugzeug transportieren, als knallorange Lampen aus den Siebzigern. Die 'Yack Fou' Kollektion ist mittlerweile auch in der Gabriel-Max-Straße im eigenen Shop zu erwerben. Dennoch sind die ausgebildeteten Produktdesignstudenten weiterhin sonntäglich mit einem großflächigen Stand, eine Art Outled-Freiluftstore, auf dem Markt vertreten.Diese Entwicklung, Neuware als Flohmarktware zu deklarieren hat in den letzten Jahren zu einigen Kontroversen geführt. Mittlerweile sind zumindest fünf solcher Textilstände toleriert, mehr aber auch nicht. Ähnliches ist auch auf dem Flohmarkt am Mauerpark zu beobachten.
Mit etwas Glück, Können und viel Durchsetzungsvermögen kann die Plattform Flohmarkt ein Sprungbrett für kommerziell-künstlerische Aufstiege werden, mit denen ein Lebensunterhalt verdient werden kann. Der Kleinkünstler Rico Loop, der vor Jahren seine musikalische Karriere am Boxhagener Platz begann, ist mittlerweile eine feste Größe auf dem Festival der Fusion. Die Produkte des 'Kunstkaufhaus-Ost' sind mittlerweile Deutschlandweit in Galerien zu erwerben.
Für den Textilverkäufer an der Ecke Gabriel-Max-Straße/Grünbergerstraße kommt es wiederum gar nicht in Frage, dem Boxi und „der Familie“ den Rücken zuzukehren. Für ihn ist ein wichtiger Aspekt seiner künstlerischen Entfaltung, die Werbeenthaltung. Directrecycling neben Motivsiebdruck auf ökologischem Textil. „Vor dem ersten Tragen einmal Bügeln, leg einfach etwas Backpapier unter“.
Die meisten Händler oder Kleinkünstler sind eine feste Institution, für sie ist der Flohmarkt ein Teil ihres Lebens und eben ihrer Arbeit. Der Anteil der „Okkasionsverkäufer“ hat seit der 2004 durchgeführten Umstrukturierung und der wegen Anwohnerbeschwerden verkleinerten Flohmarktfläche abgenommen. Dennoch bildet die Mischung aus professionellen Händlern, Liebhabern und Gelegenheitsverkäufern eine homogene Masse. Jeder kennt jeden, seinen Nachbarn insbesondere („Ich geh noch mal was zu trinken hol'n. Soll ich jemanden was mitbringen?“). Man versteht sich, besonders wenn man seit Jahren den selben Platz belegt. Sonntag für Sonntag mit dem entsprechendem Berliner Humor: „Kannste die Kundin doch jetz' nich fragen: Sind se schwanger oder einfach nur dick?“Gesellschaftliches Spiegelbild Boxi
Der Boxhagener Flohmarkt ist dabei seit jeher ein Spiegelbild gesellschaftlicher (subversiver) Modeerscheinungen. Als letztes Jahr die neunziger Jahre in fluoriszierenden Farben und Ballonseide wieder salonfähig wurde, war der Flohmarkt eine der ersten Orte, an denen sich die Accessoires häuften.
Der Boxhagener Flohmarkt ist mehr als einfach nur Trödel. Inmitten der Szene ist er Subkultur und Hipness, häufig hat es den Anschein, als würden sich die Besucher ein „Flohmarktkostüm“ anlegen. Gesehen und gesehen werden, wer h
ierher kommt, kommt schon lange oder immer wieder. „Bistu zufällig auf'm Flohmarkt, ja? Cool lass uns mal unten beim Polen treffen“.
„Der Pole“, bereits seit Anfang des Jahrtausends auf dem Flohmarkt vertreten, ist ein begeisterter Plakatsammler polnischer Künstler, die Theater, Opern oder Filme (u.a. Czechow, Camus, Grass, Strauß, Kieslowski) adaptieren. Die eindrucksvollen, größtenteils expressionistischen Drucke von beinahe fünfundzwanzig verschiedenen Künstlern sind für circa 20€ zu erwerben.
Wer ein wenig verschnaufen möchte oder in unmittelbarer Nähe als Alternative zu den zahlreichen Cafés und Bars in der Umgebung einen Kaffee trinken oder eine Kleinigkeit essen möchte, der stattet dem Café Pavillon (Karuna) an der Ecke Grünbergerstraße/Gärtnerstraße einen Besuch ab. Das alkohol- und drogenfreie Café bietet straffälligen oder suchtgefährdeten Jugendlichen Arbeit.
Der Flohmarkt am Boxhagener Platz ist Alltag für viele Friedrichshainer und eine feste Institution vieler Berliner. Eine Welt für sich, eine Art Mikrokosmos, in den es einzutauchen lohnt. Es gibt viel zu entdecken, Menschen, Händler, Besucher und Stände - auch ohne Geld auszugeben: Jeden Sonntag 10-18h (endet je nach Wetterlage).
Gegen Sonntagmittag wird gegen Quittung abkassiert, mit strengem Blick und Berliner oder polnischer Schnauze werden die Stände und ihre Händler hier streng und rigoros beäugt. „Dit soll also n' Kinderstand sein? Wie alt bistu denn?. Drei Meter, macht 18€“.
Wer auf dem Flohmarkt etwas verkaufen möchte, ist herzlich eingeladen. Die Platzvergabe bzw. -reservierung für den nächsten Sonntag erfolgt Montags bis 10:00 Uhr.
Boxhagener PlatzBoxhagener Platz 1
10245 Berlin-Friedrichshain
Kontakt
Mathias: 0174 94 67 557
Allgemeines zu erfragen bei Herr Walk 0177 82 79 352 (ab 19h).
1 Meter macht 6€
Erreichbar über S Ostkreuz, U5 Frankfurter Tor (etwa 10 Minuten Fußweg), Tram M13 Wühlischstraße/Gärtnerstraße
Bus 240 Boxhagener Platz
von Till Wörfel









