Frisches Obst und Gemüse neben Vielfalt und Lebendigkeit

Der Winterfeldtmarkt - Vielfalt und Lebendigkeit in Schöneberg
"Kaufen Sie bei mir die Ware, dann leben Sie hundert Jahre" ruft der Türke am Gemüsestand Nahe der St-Matthias-Kirche lyrisch. Auf seinem Kopf sitzt ein Strohhut, den er mit verschiedenen Blumen geschmückt hat. Von der gegenüberliegenden Seite entgegnet ein langgezogenes "Haaaallooooo". Kurze Pause, die Glocken fangen rythmisch an den südlich des Nollendorfplatzes zwischen Goltz- und Gleditschstraße liegenden Platz zu beschallen. Danach folgt ein erneutes "Haaaallooooo, zwanzig Gladiatoren für'n Fünfer."
Hier geht es weder um einen Poetry Slam oder um das Römische Reich, vielmehr ist es kurz vor zwölf und der Wochenmarkt am Winterfeldtplatz geht an diesem Mittwoch in seine letzten zwei Stunden, die Händler setzen zu einem Duell gegen Glocken und gegeneinander an. Der Türke entgegnet auf das erneute "Hallo" des Blumenhändlers mit einem nachahmenden ähnlichen Laut und fügt hinzu "hört mich denn keiner?" bevor er Weintrauben, Pfirsiche und Nektarinen zum halben Preis ankündigt. Hier wird der Kunde geködert und integriert, "denn probieren geht über...?" - "studieren" antwortet ein Kunde belustigt. Der Verkäufer ist zufrieden.

Letzteres gibt es auch ein paar Stände weiter, 400 Gramm für 3 € oder mittig auf der Seite der Goltzstraße - das regionale Pendant aus Unterfranken. 'Oma Emmas Unterfränkische Spezialitäten' mit dem EU-Biosiegel variieren je nach Jahreszeit, Ernte und Verarbeitungsstadium von Marmelade, Honig oder Brotaufstriche über Chutney und Relish bishin zu kaltgepressten Säften, Frankenweinen und Pflanzenkernöl, großtenteils aus Unterfranken - nicht aus Bayern, wie der Verkäufer mit ausgestreckten Finger auf die gehisste fränkische Flagge deutend betont. Der Frage, warum man unterfränkische Obstprodukte inmitten Brandenburgs Obstlandschaft kaufen solle, entgegnet er in unverkennbarem Dialekt: "Na, probier'n Sie mal ne fränkische Mirabelle und essen Sie danach ne' Brandenburgische. Dann kennen Sie den Unterschied."
Gegenüber, gibt es passend fränkische Fleisch- und Wurstspezialitäten, wie Coburger Bratwurst, Bamberger Bauernbratwurst, Steinpilzbrat"wöscht" auf Makala gegrillt oder gar eine Schnapsbratwurst sowie Original Nürnberger Elisenlebkuchen zum Nachtisch.
"R.A.F." steht auf dem T-Shirt der Verkäuferin - darunter in kleinen Lettern "Revolution aus Franken". Was Regionalstolz betrifft unterscheiden sich Franken und Bayern eben doch nicht.
Weiter nördlich geht es wieder heimischer zu. Schräg gegenüber des Gemüsestandes mit Obst aus der Mittelmark, an dem Türken und Deutsche zusammen bedienen, steigt ein durchdringender Fischgeruch in die Nase und reizt alle Geruchsrezeptoren. Hier lockt frischer Fisch vom Holzofengrill: Makrele, Forellenfilet, Zander und Tintenfisch. Wer darauf keinen Appetit hat, kann seinen Hunger zwischendurch an Spezialitäten rund um den Kontinent stillen: Neben einem Asiastand und einer passablen Auswahl türkischer Speisen - hier gibt es entgegen aller Klischees eben keinen Döner - lockt ein afrikanischer Stand mit Yassa, Mafé oder Thiou, zu Trinken gibt es hier exotischen Ingwer-Ananassaft.
Auf der Seite der Gleditschstraße kommen Käseliebhaber ganz auf ihre Kosten, Am Käsestand gehören Comté, Gruyère, Peccorino und Roquefort zu den Standartkäsesorten. Umfangreiche Spezialitäten aus Frankreich, wie Petit Breton, Crottin, Morbier, Mont Jura, Mimolette, aus Italien, wie den herzhaft-pikanten Taleggio, stehen einige Sorten aus der Schweiz, wie der Voralberger Bergkäse oder ein verlockender Ziegengouda aus den Niederlanden zur Auswahl. Hier kommt man gerne immer wieder her: "Haben Sie den Rosmarinkäse von letzter Woche?" fragt die Kundin hoffnungsvoll. "Nein tut mir leid, diese Woche nicht, aber nächste Woche wieder!" verspricht der Verkäufer fast mitleidig und reicht der Kundin als Entschuldigung ein extra großes Probierstück Bergkäse österreichischer Herkunft.
Das passende Brot für den Käse gibt es am Brotwagen, betrieben von einem studierten Anglisten, der sich aber vor Jahren doch der Brotbackkunst hingegeben hat, anstatt der englischen Literatur. 100% Dinkel, Roggen, Feinschrot- oder Suatenbrot, Kartoffelbrot, Sesambrot, klassisches Bauernbrot und herrlich frisch duftende Brötchen. Hier schmeckt das Brot, abseits aller Backautomaten und Lieferbäckereien, auch so, wie das Aussehen und der Preis vorzugeben scheint (Dinkelbrot 3,70 €).
Zwischenmenschliche Oase Winterfeldtmarkt
Samstags bietet er bis zu 250 Ständen Platz und macht den Markt zu den größten Berliner Gemüse-und Wochenmärkten. Mittwochs ist er überschaubarer, läuft man seine Stände ab, offenbart er eine Vielfalt an Produkten und Menschen, die sich auf dem Markt kaum zu wiederholen scheint:
Lakritze, Visitenkarten, Tierbedarf, Panamahüte, Töpfereiprodukte, Gewürze aus aller Welt, Stoffe und Tücher, zahlreiche Teesorten, Ohrringe, Holzartikel, Türkische und Griechische Spezialitäten, Brillen, Metallschmuck, Kartoffeln von der Lüneburger Heide bis zum Hochmeer, diverses der Wiener Strudel-Manufaktur ("Ein Tag ohne Strudel ist wie ein Himmel ohne Sterne, Kaiser Franz Josef") und ein gut sortiertes Angebot verschiedenster Kräuter aus Brandenburger "Zucht" (hier bekommt man bspw. auch Stevia, ein Süßkrautgewächs, ideal für Diabetiker).
Mittwochs sind im Gegensatz zu Samstags neben weniger Ständen auch weniger Touristen da, der Markt ist etwas ruhiger und von einem etwas älterem Publikum besucht. Er scheint an diesem Tag auch noch mehr mit dem Kiez verwachsen zu sein. Auf dem Winterfeldtmarkt kennt man sich sehr gut, zwischen den Ständen wird getratscht, zwischen den Kunden und den Händlern vermittelt und wenn sich die Händler flachsig streiten, dann wird dem skeptischen Kunden schnell versichert, dass der andere in Wirklichkeit ein "ganz lieber" ist.
Auch Kunden lassen es sich nicht nehmen Ratschläge zugeben: "Rhabarber haben Sie hoffentlich schon verarbeitet". Oder es wird gestichelt, "Der Hollundersaft vorne vom Stand ist schon aus, so gut war der" schwärmt die ältere Dame am Marmeladen- und Säftestand, von der Konkurrenz.
Menschen kommen hier eben nicht ausschließlich zum hochwertigen Gemüse- und Spezialitätenkauf und Schnäppchen machen her, sondern der Kommunikation wegen, um in Kontakt zu treten und zu bleiben- einfach ein Schwätzchen zu halten. "Und was gibt's Neues?"
Eine ältere Dame lässt die polnische Leder-und Wollwaren Verkäuferin erröten, als Sie ihr die Gründe erklärt, warum die Mücken ausgerechnet ihr Blut bevorzugen: "Wennse Sie stechen, dann beweist das nur, dass Sie süßes Blut haben. Und dann sind Sie ein süßer Mensch".
Deutsche, Österreicher, Schweizer, Türken, Italiener, Europäer, Araber, Afrikaner, Asiaten, Schöneberger, Berliner, Brandenburger, Sachsen und (Unter)franken machen den Markt zu einem überregionalen, übernationalen, überkulturellen Ausnahmeort und bilden das Herzstück des Winterfeldtplatzes. Dass dieser einst der "hässlichste Platz" Berlins gewesen sein soll, ist ob der Vielfältigkeit und Lebendigkeit des Wochenmarkts nur sehr schwer vorstellbar.
Darüber hinaus bietet der Winterfeldtplatz und seine umliegende Café- und Kneipenszene umfangreiche Möglichkeiten, sich vor, während oder nach dem Markt mit einer Tasse Kaffee oder was das Herz begehrt hinzusetzen, auszuruhen und den Marktbesuch zu beginnen oder abzurunden.

Wochenmarkt am Winterfeldtplatz
Winterfeldtplatz
10777 Berlin (Tempelhof-Schöneberg)
tel. 030 75 60 68 34
Informationen und Anmeldung
Marktmeisterin Frau Schaubs
mobil: 0175 43 74 30 3
Geöffnet
Mi 8.00-14.00 Uhr
Sa 8.00-16h Uhr
Erreichbar über U1,U2, U4 Nollendorfplatz
Bus 204 Winterfeldtplatz
von Till Wörfel









