Samstag Sep 04

Riesen in Berlin

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Riesen in Berlin präsentiert von Royal de Luxe

Riesen in BerlinRIESIG

Ein viertägiges riesiges Theaterspektaktel zum 20. Jahrestag des Mauerfalls, 1. Bis 4. Oktober 2009. Zwei bis 15 Meter große Marionetten laufen durch Berlin.


Ein viertägiges riesiges Theaterspektaktel zum 20. Jahrestag des Mauerfalls, 1. Bis 4. Oktober 2009
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Lange Zeit wurden sie in Berlin angekündigt: Riesen in Berlin stand auf unzähligen Plakaten in Berlin. Riesen in Berlin? Irgendwann packte mich die Neugier und ich suchte die Information im Internet. Aha, es sollte also um Marionetten gehen, eine 7,5 Meter groß und die andere 15 Meter... Alles klar! Und die laufen 4 Tage lang durch Berlin zum 20.Jahrestag des Mauerfalls kreuz und quer umher um sich dann vor dem Brandenburger Tor zu treffen und in die Arme zu fallen. Natürlich! Was denn sonst? Nun wohne ich schon lange genug in Berlin, dass mich so schnell nichts mehr verwundert... Doch als ich dann die Fotogalerie auf www.riesen-in-berlin.de sah, war ich doch mehr als begeistert. Die Tage waren für das Thema geblockt zum Fotografieren. Wenn das so werden sollte, wonach es aussah, dann stand Berlin das Beste seit der Reichstagsverhüllung von 1995 bevor. Ich sollte wohl Recht behalten... Auch andere Parallelen hatte das Spektakel.
Während für die Reichstagsverhüllung Jena-Luc Courcoultdie visionären und ungewöhnlichen Künstler Jeanne-Claude und Christo standen, war hier der exzentrische Regisseur und Gründer der französischen Theater-Compagnie Royal de Luxe, Jean-Luc Courcoult die überschäumende Kraft. Courcoult ist seit Jahrzehnten erfolgreich mit seinem außergewöhnlichen Straßentheater, das jeweils auf die Orte und Ereignisse zugeschnitten ist. Riesige Erfolge wurden in London (200&) und Santiago de Chile (2007) gefeiert. Während der 3 Tage, in der ich das Event begleitete, lief Monsieur Courcoult mir sehr häufig mit seiner extravagant eckigen Brille und gelben Lederhut über den Weg: mal laut fluchend und schreiend, mal angespannt, mal fürsorglich, und lachend und gelöst zum Ende der Veranstaltung. Sehr emotional, Künstler durch und durch, aber trotzdem enorm sympathisch! Seit 3 Jahren liefen nun die Vorbereitungen. Jean-Luc hatte so seine Ideen: so sollte ein Geysir vor dem Brandenburger Tor entstehen und die Quadriga mit echten Pferden ersetzt werden. Nun, das Denkmalschutzamt spielte nicht so recht mit, die Pferde blieben uns erspart und die Riesin durfte dann doch nach Intervention von Monsieur Wowereit über das Brandenburger Tor gehievt werden.

Mit 7 Sattelschleppern und über 100 Helfern, sog. Liliputanern, reiste die Compagnie Royal de Luxe an. Aufgebaut und geprobt wurde im Hangar des stillgelegten Flughafens Tempelhof unter strengster Geheimhaltung. Keiner sollte die Riesen im „unbelebten Zustand" sehen. 22 Liliputaner sollten die kleine Riesin mit einem Kran bewegen, 30 den großen Riesen, der die Rolle des Tiefseetauchers spielen sollte.

Die Geschichte, die Jean-Luc sich eigens für Berlin ausdachte, ist ein fantastisches Riesen-Märchen. Vor langer langer Zeit lebten in Berliner Sumpfgebieten Riesen. So auch der große Riese und seine Nichte. Eines Tages passierte es. Land - und Meeresungeheuer zerrissen die Stadt und umbauten einen Teil mit Mauern. Der Riesen-Onkel und seine Nichte wurden getrennt. Die Odyssee begann. Die Nichte suchte in einem Boot ihren Onkel. Der große Riese durchstreifte jedoch als Tiefseetaucher die Meere auf der Suche nach einem Geysir. Als er diesen nach vielen Jahren fand, kann er mit seiner Hilfe die Erde zum Beben und die Mauer zum Einsturz bringen. DerWeg ist frei für das langersehnte Treffen mit der Nichte. Um dieses Treffen rankt sich das viertägige Riesentheater, das von „spielzeit europa - Berliner Festspiele „ vom Bund und weiteren Sponsoren finanziert und veranstaltet wird.

Um es vorweg zu nehmen: es wurden 1 Million Zuschauer erwartet, jedoch wurde der Erfolg dann doch mit tatsächlich 1,5 Millionen Menschen getoppt.

Am 1. Oktober sollte es starten. Es wurden „seltsame Vorzeichen" auf dem Schlossplatz und dem Pariser Platz angekündigt. Also fuhr ich am Abend dieses Tages am Schloßplatz vorbei und ... sah nichts! Am nächsten Tag lüftete sich das Geheimnis. Es handelte sich um einen künstlichen und dennoch imposanten Geysir, den ich aber an jenem Abend nicht entdeckte, da dieser im Ruhezustand wie die anderen unzähligen Baustellen in Berlin aussah ;-)

riesin-im-schiffAm Freitag, den 2. Oktober, soll es dann ab Roten Rathaus losgehen! Leicht verspätet aufgrund von Stau und Parkplatzmangel sehe ich dann d
as, was die nächsten Tage in Millionen Münder sein soll: die „kleine Riesin". Da steht sie nun, diese gigantische Marionette aus Stahl, Pappel- und Lindenholz. Zusammen mit dem Kran wiegt sie 13,5 Tonnen und misst 7,5 Meter Höhe. Ihre Haare und Augenbrauen bestehen aus Pferdehaar. Für die Perücke wurden 50 Pferdeschweife benötigt. Nachdem die Übergabe eines symbolischen Briefes an den Bürgermeister Wowereit erfolgt, besteigt die Riesin das besagte Boot. Nach einer Runde um das Rathaus geht es dann weiter zu Fuß... Wenn man nun meint, die Riesin würde nun wie in der Augsburger Puppenkiste langweilig von A nach B laufen, wird eines besseren belehrt. Es ist Action angesagt! Da wird die Riesin geduscht und gewaschen, sie macht Frühsport und Kniebeugen, zieht sich häufig um, riesin-in-der-friedrichstrassefährt zwischenzeitlich auf einem Boot, auf einem echten zugelassenen Audi, mit Sturmhaube und Brille ausgestattet auf einem riesigen Roller. Zwischendurch gibt's dann mal einen großen Lutscher und... sie muss auch einmal auf offener Straße für kleine Mädchen - soweit der französische Humor!

Ich habe sowieso den Eindruck einer französischen Invasion auf den Berliner Straßen. Ich habe bisher noch nie so viele französische Touristen gesehen. Im Laufe des Freitags wachsen die Menschenmassen stetig an.

Nach einer Siesta auf dem Bebelplatz, geht es weiter über die Friedrichstrasse zum Gendarmenmarkt. Ein Highlight, den Platz mit Menschen überfüllt zu sehen und in der Mitte steht bzw. . sitzt die Riesin.
Für eine halbe Stunde dürfen Kinder mit Hilfe einer Leiter auf ihren Arm krabbeln und auf den Unterarmen schaukeln. Ein sehr emotionaler Anblick! Kurz darauf fängt es an stärker zu regnen. Davon relativ unbeeindruckt, verfolgen die Zuschauer die „Verladung" der Riesin auf Ihr Schiff. Aufgrund der Wassermassen hat man zeitweilig den Eindruck sie würde die Archen Noah besteigen. Nun geht die Fahrt zum Nachtplatz auf dem Lustgarten.

Der Riese wird aus dem Humboldthafen gezogen Ich befürchte Schlimmes bzgl. der Menschenmassen am Samstag, die den Riesen-Taucher aus der Spree im Humboldthafen aufsteigen sehen wollen! Ich soll nicht enttäuscht werden... Es ist brechend voll um den Hauptbahnhof. Zigtausende wollen sich das Schaupiel nicht entgehen lassen. Derweil ist der Riese nicht wie ursprünglich geplant völlig abgetaucht in der Spree, sondern ragt bereits mit dem Oberkörper aus der Spree. Hintergrund: der gigantische Kran, der den 9,5 Meter großen Riesen aus dem Wasser hieven solle, darf nicht aus Gewichtsgründen direkt auf der Brücke stehen. Aufgrund des weiten Auslegers, kann dadurch die volle Zugkraft nicht erreicht werden.

Endlich, mit etwas Verspätung, steigt der Riese auf die Brücke empor oder besser gesagt, er wird gezogen. Es ist schon ziemlich imposant, als der Riese in das 15 Meter hohe und insgesamt 25 Tonnen schwere Gestell gespannt wird.

Und dann setzt sich der Tross in Bewegung: nach offizieller Märchenschreibung auf der Suche nach der kleinen Nichte, die mittlerweile an diesem Tag zum Checkpoint Charly und Potsdamer Platz unterwegs ist.

Ich verlasse meinen besonderen Aussichtspunkt vom Bahnsteig des Hauptbahnhofs und versuche mich dem Riesen innerhalb der unüberschaubaren Menschenmasse zu nähern. Wider Erwarten klappt das recht gut, bin unmittelbar am Geschehen und staune über die Art und Weise wie der Riese bewegt wird. Links und rechts neben dem Gestell sind 2 Plattformen angebracht. Die Liliputaner stehen dort aufgereiht und schwingen sich an einem Seil abwechselnd zu zweit hinunter. Das Seil ist mit dem Riesen-Bein der gigantischen Marionette verbunden, so dass es durch die Zugkraft angehoben wird. Gleichzeitig zieht ein weiterer Liliputaner den Fuß in die Laufrichtung. Mit dieser äußerst schweißtreibenden Aktion kann der Riese sich einen (!) Schritt vorwärts bewegen.

RieseWährenddessen versuche ich mich in Kooperation mit den Polizisten an der vordersten Frontlinie des Trosses durch die Massen zu bewegen. Auf Höhe des Kanzleramtes vor einer Feuerwehr stoppt der Riese. 2 Liliputaner erklimmen den Helm des Riesen und entfernen das Frontglas seiner Taucherglocke. Und....halten dem Riesen einen Riesen-Trichter in den Mund. Die Feuerwehr spritzt derweil aus vollem Rohr über eine Feuerwehrleiter Wasser in den Trichter. Der Riese hat eben Durst, so die Erläuterung. Natürlich, was sonst?

Nach ausgiebiger Wasseraufnahme setzt der Riese seinen Weg fort. Mittlerweile ist es noch voller als voll geworden. Der Riese meistert derweil die ersten engen Kurven der Yitzhak-Rabin-Straße. Auf Höhe des Brandenburger Tors stoppt der Tross erneut. Der Riese setzt sich auf einen blauen Container, ein Stapler wird in Position gebracht. Erneut erklimmen die Liliputaner den Kopf. Jetzt wird die große Taucherglocke vom Kopf gehoben. Bemerkenswert: die Augen des Riesen, die aus Lampenkörpern bestehen, bewegen sich so, wie es ein Mensch machen würde! Nun fällt der Riese mit Hilfe von Musik in einen Schlaf und schläft und schläft und... Nun erfahre ich durch meine Nähe zu den Polizisten über deren Sprechfunk, dass es eine Panne gibt! Die Hydraulik des linken Riesen-Beins soll defekt sein! Scheinbar hat ihm die Wasser-Sause mit der Feuerwehr nicht bekommen. Noch haben es die anderen Zuschauer nicht mitbekommen. Nur Monsieur Courcoult und seine Mitstreiter diskutieren mit eiserner Miene. Nach über 30 Minuten Schlafpause werden die ersten Zuschauer ungeduldig... Die Situation scheint heikel zu sein. Vor meinem geistigen Auge sehe ich bereits die Schlagzeile: „Riese auf dem Weg zur Wiedervereinigung liegengeblieben." Oder: „Keine Wiedervereinigung möglich wegen Knieprobleme"... Das hätte politische Verwicklungen ausgelöst! Ob sich dieser Verantwortung der Veranstalter eigentlich bewusst ist?

Endlich greift Jean-Luc zum Mikrofon und erklärt auf Französisch. Glücklicherweise übersetzt eine Stimme aus dem Off. Das Problem soll wohl bald behoben sein. Nach fast einer Stunde Pause setzt sich dann der Riese unter Beifall wieder in Bewegung. Nur wird er aufgrund des Zeitverlustes nicht mehr zum großen Stern wandern, sondern gleich an der Ecke zum 17. Juni zum Brandenburger auf Höhe Riesenrad abbiegen bzw. dort warten.

Ich nutze die Wartezeit um mich bereits am Brandenburger Tor einzufinden und mir einen guten Foto-Standpunkt zu sichern. In bester Gesellschaft von einem dpa-Fotografen warten wir über 3 Stunden, bis der Riese sich wieder in Richtung Tor in Bewegung setzt. Das Stehen auf der Stelle gerät zur Tortur. Auf einer großen Leinwand kann sowohl die Ankunft der kleinen Riesin als auch das Nähern des großen Riesen verfolgt werden. Endlich ist es soweit: Die kleine Riesin läuft durch das Tor und es kommt zu einem Riesen-Treffen. Ein sehr emotionaler Moment. Der Onkel nimmt seine Nichte in die Arme. Nach einem Freudentanz der Riesen, nimmt der Riese seine Nichte auf den Schoß. Es folgt eine Ansprache des Bürgermeisters und anderer Offizieller. Danach wird die Riesin mit einem großen Kran auf die Ostseite des Tors gehievt, der große Riese folgt ihr durch das Brandenburger Tor. Langsam löst sich die Menge auf, es sollen noch Musikgruppen spielen.

Ich schwöre mir aufgrund meiner schmerzenden Füße, dass die Riesen-Party für mich an diesem Wochenende beendet sein soll.

gluecksparadeAm nächsten Morgen, am Sonntag, sind jedoch alle Schmerzen verflogen. Ich fahre wieder zum Regierungsviertel. An diesem Tag sollen Riesin und Riese an der Humboldtbrücke neben dem Kanzleramt auf ein Schiff verladen werden und die Stadt über die Spree verlassen. Aufgrund der Medien und Berichterstattung scheint mir mittlerweile, dass ganz Berlin sich dieses Spektakel nicht entgehen lassen will. Riese und Riesin sollen mit einer großen Glücksparade verabschiedet werden.

Ich laufe der Parade entgegen und versuche so dicht wie möglich an das Geschehen heranzukommen. Die Riesin sitzt zunächst auf Ihrem Schiff. Der Riese folgt ihr. Vor den beiden fährt ein Wagen, auf dem 2 überdimensionale Becken installiert sind, die von Zeit zu Zeit zusammenschlagen. Auf diesem Wagen ist eine Kanone installiert. Immer wieder wird diese Kanone mit Kopien von Briefen aus der Stasi-Zeit gestopft, die nie ihre Empfänger in West-Deutschland erreichten, um dann mit großem Knall diese Briefe unter die Zuschauer zu verteilen.

Vorne weg läuft Jean-Luc Courcoult, lachend und scherzend. Es scheint, als wäre eine Riesen-Last von ihm gefallen! Und, als wäre es eine Art Belohnung, kommt zum Ende der Veranstaltung auch noch die Sonne heraus und trägt zur guten Stimmung bei.

Ich habe nun keine Chance mehr, an der Humboldtbrücke einen Blick auf die Riesen zu erhaschen, die mit Kränen auf ein Schiff verladen werden sollen. Ich mache mich also auf zum Paul-Löbe-Haus, neben dem Reichstag und erwarte die Riesen. Viele Menschen stehen am Ufer der Spree und verabschieden sich von den Riesen. Ein Spektakel, das Geschichte schreiben wird.

Danke, Royal de Luxe, danke Monsieur Courcoult!

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